Sydney, ich hab aufgehört, die Tage und Wochen zu zählen...

Mist, mist, mist. Was soll ich nur machen? Ich will Hope nicht verlieren!! Aber Ryan auch nicht.


Wieder mal macht sich meine Oma in meinem Kopf breit und verkündet mit ihrer für eine Frau sehr tiefen Stimme: Lauf nicht weg, wenn es schwierig wird.
Aber genau das war meine Idee.

Die hat gut reden.

Sydney, 6.Woche

Sydney ist viel toller, als ich dachte. Und die Menschen um mich herum machen es mir leicht, indem sie wirklich nett sind. Ich finde es zwar weiterhin unmöglich, dass Ma und Papa mich verschleppt haben, aber das Leben hier macht immer mehr Spaß. Ich will endlich mehr von der Stadt kennenlernen und die genialen Blicke genießen, wie z.B. solch einen (gefunden auf der National Geographic Webseite):

 

Es hätte mich schlimmer treffen können, als nun in Sydney wohnen zu müssen. 

Sydney, 5.Woche

Irgendwie verdanke ich es der Stimmung am Bondi, dass ich Ryan kennengelernt habe. Die Sonne und der warme Sand am Strand haben mich dazu gebracht, vor allen anderen zu den Gitarrenklängen zu singen - und nun bin ich in dieser Musical-AG gelandet. Zusammen mit Ryan.
Er hat einen leuchtenden Augenstern, so etwas habe ich noch nie gesehen. *** Echt süß ***

Sydney, 4.Woche

Ein Monat Australien. Hmm. 

Ich habe mich heute am Darling Harbour nach Fluchtvehikeln umgesehen, die mich vielleicht in meine alte Heimat zurückbringen könnten. Genau in dem Moment bin ich auf Hope gestoßen, die mit ihrer Freundin Judy auf dem Weg zum Shoppingcenter war. Ausgerechnet. Obwohl - eigentlich war es schön, jemanden Bekanntes zu treffen, einfach so. Das ist mir hier bisher noch nicht passiert. Ich hab einen spannenden Tag mit den beiden verbracht. 

 

Am Wochenende soll ich mit zum Bondi Beach. Schluck. Strand klingt super - die Frage ist nur, wie ich mich anstellen werde, ob ich die anderen überhaupt verstehe und so. 

Trotzdem freue ich mich. Ich muss ständig daran denken.

Sydney, 3.Woche

Ja, so langsam gewöhne ich mich ein. Mein Körper hat begriffen, dass nun Sommer ist, dass die Zeit hier anders tickt und dass ich nicht mehr so viel deutsch spreche wie früher.
Trotzdem: Eigentlich wäre es mal an der Zeit, etwas richtig Cooles zu starten, wenn ich schon mal hier bin. Möglichkeiten gäbe es in Australien genug, aber ich traue mich noch nicht so richtig. Und allein hab ich auch sowieso keine Lust.

Sydney, Tag 8

Ich bin mit guter Laune aufgewacht, zum ersten Mal hier - und weiß noch nicht einmal genau, warum! Ich hoffe, das bleibt eine Weile! Also am besten nicht zu viel meiner Mutter zuhören, wie sie über all die "Chancen" redet, die wir nun hier haben, und direkt ab in den Chinese Garden of Friendship zum Gedanken sortieren. Vorher muss ich mich dringend fett mit Sonnencreme einschmieren, damit ich abends nicht wieder mit rotem Gesicht ins Bett muss.

Sydney, Tag 7

Das war wohl die längste Woche meines Lebens. Wenn das so weitergeht, geht das Jahr nie rum. Ich muss dringend etwas finden, was wenigstens die Zeit schneller laufen lässt. Außerdem müsste ich mal einen Kurs belegen, der mir "Australisch" näher bringt. Das ist echt eine ganz eigene Sprache.

"No worries!" hin oder her - so einfach ist das nicht.

Sydney, Tag 6

Heute ist mir beim Bummeln ein Flyer vom Sydney Opera House in die Hände gefallen. Wundervoll - zum ersten Mal seit ich hier bin hebt sich die Laune. Trotzdem - ich bin eigentlich nah dran an den schönen Seiten von Sydney und fühle mich doch noch so weit weg.

Sydney, Tag 5

Ich heule seit zwei Stunden. Meine Augen sehen aus wie kleine, feuerrote Flummis.

Vanessa und ich verpassen uns immer. Dann hab ich mit Melvin geskypt und Frika gesehen, wie sie in ihrem Körbchen schläft. Ich musste außerdem an die Leute denken, die in unserem Haus in Deutschland wohnen werden.

In dem Slang-Wörterbuch, das mein Bruder mir geschenkt hat, steht ein sehr treffender Ausspruch. Die Idee meiner Eltern, hierher auszuwandern, ist "not worth a zack". 

Sydney, Tag 4

Ich habe einen Zufluchtsort gefunden, an dem ich meine Ruhe habe! Das Sydney Aquarium. Es tut gut, dass die Fische so schön stumm sind! Außerdem wirken sie irgendwie hypnotisierend auf mich und so hole ich heute den Schlaf nach, der mir nachts dank immer noch andauerndem Jetleg fehlt.

Vielleicht kaufe ich mir gleich ein Jahresticket...

Sydney, Tag 3

Peinlich, peinlich, peinlich.

Da habe ich mich rausgewagt zu dem kleinen Supermarkt zwei Straßen weiter, und nun das. Ich hab zwar alles gefunden, was ich brauche - After-Sun-Lotion, weiße Schokolade und eine "Girlfriend"-Zeitschrift (muss ja mal rausfinden, was hier so los ist), aber dann, als ich dachte, ich hätte es geschafft, spricht mich der Kassierer an. Ich habe nichts verstanden! Wie ist das möglich? Nicht ein Wort! So als hätte ich nie Englisch gelernt. Er hat so schnell gesprochen, außerdem genuschelt und das australische Englisch klingt eher wie Singen als Sprechen. Er fragte nochmal und nochmal, das Fragezeichen in meinem Gesicht wurde immer größer. Irgendwann hat er nur noch mitleidig gelächelt und gar nichts mehr gesagt. 

Ich habe schnell meine Tüte geschnappt und nichts wie raus.

Da werde ich jedenfalls so schnell nichts wieder einkaufen. Schade eigentlich, denn zum nächsten richtigen Supermarkt muss ich mindestens eine Viertelstunde laufen.

:-(

 

Sydney, Tag 2

Es ist nicht zu glauben. Meine Mutter ist erst einen Tag hier und wirft uns nahezu minütlich "Amazing!" oder "How wonderful!" um die Ohren. Nee, echt, so wonderful ist das gar nicht. Unser neues Appartment jedenfalls ist klein und mein Zimmer kahl. Außerdem vermisse ich alles zu Hause! Warum wurde bloß noch nicht das Beamen erfunden... :´-(

Sydney, Tag 1

Heute ist der 01.02.13. Da wir auf der Südhalbkugel sind (wenn ich mir vorstelle, wie weit das wirklich weg ist, wird mir schlecht...), ist das wie bei uns der 01.August. Denn hier ist Sommer. Mein Körper ist völlig verwirrt. Erst über 11 Stunden im Flugzeug bis Singapur, dann stundenlanges Wandeln durch Klimaanlagenluft am Flughafen und dann nochmal viele Stunden im nächsten Flugzeug bis zur Landung in Sydney. 

Unsere neue Wohnung ist, naja. 

Gibt es eine Steigerung von "allein und verloren"?

Den Sicherheitsbeamten am Flughafen hab ich null verstanden. Wenn das schon so anfängt! Vanessa, könntest du doch hier sein. 

Die Gedanken an Frika verdränge ich ganz schnell wieder. Mal sehen, wie lange mir das gelingt.

 

ICH WILL NACH HAUSE!

Flughafen Frankfurt, 30.01.13

Augen zu und durch.

Castrop-Rauxel, 19.01.13

Vanessa ist so lieb, echt. Wir waren den ganzen Tag zusammen. Shoppem, Quatschen, Musik hören. Wenn ich daran denke, dass es in knapp zwei Wochen nach Australien losgeht, könnt ich die ganze Zeit heulen. Ich muss einfach versuchen, so wenig wie möglich daran zu denken. Doch so einfach ist das gar nicht, denn mein Zimmer schon fast leergeräumt. Morgen will ich einen extralangen Spaziergang mit Frika machen. Mein lieber, alter Hund - werden wir uns je wiedersehen, wenn ich erst einmal weg bin?

Castrop-Rauxel, 12.12.12

Das wird das traurigste Weihnachtsfest, das ich je erlebt habe. So langsam Abschied nehmen von allen Freunden. Von Melvin, von Frika, von Vanessa! Wie soll das denn gehen? Warum tun die mir das an? Meine Eltern sind in Hochstimmung. "Vorfreude" fällt in jedem zweiten Satz. Leider scheint ihnen nicht aufzufallen, dass ich das Wort so gar nicht benutze. 

Castrop-Rauxel, 30.November 2012

Das ist doch echt nicht wahr. Das meinen die nicht ernst. Doch, klar meinen sie es ernst. Leider kenne ich sie gut genug, um das zu wissen, auch wenn ich es nicht wahrhaben will. Wir wandern nach Sydney aus. Hä????? Muss erstmal sacken lassen.

Castrop-Rauxel, 1.November 2012

Was ist da nur los? Meine Eltern drehen mal wieder am Rad.

Als wäre es nicht genug, Paps' "Witze" zu ertragen, bzw. Mamas "Gesang" unter der Dusche (jeden Morgen - wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nicht das Zimmer direkt nebem dem Bad gewählt!), haben sie sich nun auch noch tolle Hobbies gesucht.

 

Pa hat letzte Woche mit glänzenden Augen einen Ford Mustang bei ebay ersteigert, an dem er nun in der Garage rumschraubt. Eigentlich hätte ich so ja mehr Ruhe, wenn er nicht ständig einen von uns fragen würde, wo sein Werkzeug abgeblieben ist... "Pia, hast du zufällig meinen Maulschlüssel gesehen?" Nee, zufällig nicht. Maulschlüssel. Wie passend. Ich glaube, so etwas hat man bei mir auch angebracht, denn wie immer antworte ich nicht, was ich wirklich denke.

Und Ma, nun, was soll ich da noch sagen. Statt den Fernseher anzuschmeißen, schwingt sie allabendlich zu heißen Zumbarhythmen die Hüften. Im Wohnzimmer! Peinlicher geht es nicht. 

Meine Eltern sind eben anders. 

Ich hoffe nur, die kriegen sich schnell wieder ein.